Leiharbeit in der Pflege: Zu viele Zeitarbeitnehmer?

verfasst von zvoove, 05.06.2019
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Zeitarbeit als bewusste Entscheidung

Die Zeitarbeitsbranche bietet Pflegekräften in der Regel sehr gute Arbeitsbedingungen: Oft können sie Arbeits- und Schichtzeiten mitbestimmen. Kurzfristige Extra- oder Wochenendschichten sind selten und das Gehalt bewegt sich meist im übertariflichen Rahmen. Für Stammpersonal sieht die Arbeitsrealität oft anders aus. In der Pflege herrscht seit Langem ein Fachkräftemangel (Fachkräfteengpassanalyse der BA). 

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen suchen händeringend nach Personal. Wegen Personalmangel und Ausfällen ist die Arbeitsbelastung für Stammbeschäftigte hoch. Sie müssen einspringen, wenn Kollegen erkranken und übernehmen kurzfristig Schichten. Sie stehen unter Druck, Dienste zu übernehmen, um die Arbeitskollegen nicht im Stich zu lassen. 

Für Patienten bleibt zu wenig Zeit, um mit einem guten Gewissen nach Hause zu gehen. Mangelnde Planbarkeit, **Arbeitsverdichtung **und eine **schlechte Work-Life-Balance sind nicht selten **Anlass für eine Kündigung. Ein kleiner Teil der Betroffenen entscheidet sich für eine Anstellung über die Zeitarbeit

Warum entscheiden sich Pflegekräfte für die Zeitarbeit? Mehr dazu in unserem Artikel: Zeitarbeit in der Pflege: Vor- und Nachteile

 

Leiharbeit in der Pflege optimieren oder eher verschlechtern? 

Seit Mitte 2018 erhält das Thema "Zeitarbeit in der Pflege" mehr mediale Aufmerksamkeit. In einem Artikel von Mai 2018 titelte etwa die Süddeutsche Zeitung, dass Pflegekräfte in die Leiharbeit flüchteten. Die Arbeitsbelastung sei dort zum Teil geringer. Zwar sei der Wechsel noch kein Massenphänomen, doch verzeichne die Zeitarbeit ein rapides Wachstum von Pflegekräften: Zwischen 2014 und 2017 habe sich die Zahl der Leiharbeiter in der Gesundheits- und Krankenpflege, bei Rettungsdiensten und in der Geburtshilfe von 7.400 auf 10.200 erhöht. Seitdem wurden immer wieder die Befürchtung laut, Pflegepersonal könne in die Zeitarbeit abwandern. Für die Politik ein Anlass, um über die **Eindämmung **der Pflege in der Zeitarbeit zu debattieren. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach sich dafür aus, die Zeitarbeit im Pflegebreich zu reduzieren. Gesundheitssenatorin **Kalayci **hat im Herbst 2019 sogar eine Debatte zum **Verbot **der Leiharbeit im Pflegesektor angestoßen. Im Februar **2020 **hat der Senat eine **Bundesratsinitiative zur Eindämmung von Leiharbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen **beschlossen. Ein Verbot ist nicht geplant.  Im AÜG sollen zeitnah Änderungen eingeführt werden.Die Initiative wird voraussichtlich am 13. März in die Länderkammer eingebracht. 

Das Problem dabei: strukturelle Missstände löst eine solche Eindämmung nicht. Die wichtigste Stellschraube ist der Fachkräftemangel. Es gilt, bessere Bedingungen für die Branche zu schaffen, anstatt gute Bedingungen in der Zeitarbeit zu konterkarieren. 

 

Der Fachkräftemangel ist das eigentliche Problem

Nicht die Zeitarbeit in der Pflege ist das Problem, sondern der Fachkräftemangel. Unter die 1.686.004 Beschäftigten in Pflegeberufen, fallen nur 34.240 Zeitarbeiter. Das ist eine Quote von ca. 2 %. Dies ergab eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit auf Anfrage des BAP (Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister). Die Zahl umfasst auch Überlassungen von Krankenhäusern untereinander. 

40 % der Zeitarbeitskräfte in Pflegeberufen sind über einen anderen Wirtschafszweig als die Zeitarbeit (z. B. Gesundheits- und Sozialwesen) eingestellt. Betrachtet man alle Personen, die direkt bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt sind, beträgt die Quote lediglich 1,2 % (20.466 Zeitarbeiter). 

Im Bereich Altenpflege ist die Zahl der Leiharbeiter zwischen 2016 und 2018 nahezu konstant geblieben. In der Krankenpflege hat sich die Quote zwar erhöht, aber auf niedrigem Niveau. Sie stieg von 1,48 % in 2016 auf **2,08 % **in 2018. Unter den Zeitarbeitern, die bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt sind, fiel der Anstieg noch geringer aus (von 0,85 % im Jahr 2016 auf 1,12 %).

Laut BAP ist die Zeitarbeit in der Pflege ein Randphänomen. Statt Abwanderung von Personal findet ein beidseitiger Wechsel statt. Es gibt sowohl Pflegekräfte, die in die Zeitarbeit wechseln als auch Zeitarbeitnehmer, die eine Anstellung in einer Pflegeeinrichtung annehmen. Die Zeitarbeit bleibt auf ihre Kernaufgabe als Flexibilisierungsinstrument beschränkt. 

 

Zeitarbeit ist gerade jetzt wichtig

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen nutzen das Instrument der Arbeitnehmerüberlassung zur kurzfristigen Deckung von Personalengpässen. Sie entlasten ihre Belegschaft, indem sie Zeitarbeiter dort einsetzen, wo sie gebraucht werden (z. B. bei Personalausfall). Dadurch verringern sich teure Überstunden und die zusätzliche Arbeitsbelastung für Mitarbeiter. 

Eine dauerhafte Überforderung kann sich negativ auf die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten auswirken und die Fluktuation erhöhen. Bei hohen Fluktuationsraten steht das Unternehmen unter Rekrutierungsdruck und muss Mitarbeiter stärker beanspruchen. Die Zeitarbeitsbranche bietet eine wichtige Personalreserve und übernimmt Rekrutierungs- und Verwaltungsaufgaben

Zeitarbeiter sind i. d. R. über einen unbefristeten Vertrag bei einem Personaldienstleister oder einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Dabei handelt es sich um einen regulären Arbeitsvertrag mit sozialer Absicherung. Wie andere Arbeitnehmer auch erhält ein Zeitarbeiter Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub. Urlaubs- und Gehaltsregelungen, Zuschläge, das Verhalten im Krankheitsfall etc. sind im Vertrag zwischen Arbeitnehmer und Verleiher festgesetzt. Verleiher und Entleiher vereinbaren im Arbeitnehmerüberlassungsvertrag (AÜ-Vertrag) Details zur Tätigkeit, Arbeitszeit und Preis (Stundenverrechnungssatz). Pflegekräfte in der Zeitarbeit verfügen meist über attraktive Arbeitsbedingungen mit hoher Planbarkeit und haben die Möglichkeit, Erfahrung in verschiedenen Arbeitskontexten zu sammeln.

 

Fazit

Zeitarbeiter in Pflegeberufen erhalten vermehrt mediale Aufmerksamkeit. Zeitungen berichten über eine Flucht von Pflegekräften in die Zeitarbeit. Daher der Ruf, Leiharbeit in der Pflege zu optimieren respektive abzuschaffen. Jedoch bietet die Zeitarbeit Pflegekräften ein attraktives Modell, für das sie sich bewusst entscheiden. Grund ist u. a. die geringere Arbeitsbelastung in der Leiharbeit. Durch den Pflegenotstand haben Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mit Fachkräfteengpässen zu kämpfen. Die Arbeitsverdichtung ist mitunter hoch und das Stammpersonal übernimmt bei Arbeitsausfall kurzfristig Schichten von Kollegen. Ein Teil der Pflegekräfte entscheidet sich für eine Anstellung über die Zeitarbeit, z. B. weil sie Dienst- und Schichtpläne stärker mitbestimmen können, weniger kurzfristige Extra- und Wochenendschichten übernehmen müssen oder übertarifliches Gehalt bekommen. Eine Abwanderung des Stammpersonals in die Zeitarbeit findet jedoch nicht statt. Die Quote der Zeitarbeitskräfte in Pflegeberufen unter allen Pflegekräften ist gering. Dies gilt insbesondere, wenn man diejenigen Mitarbeiter in den Blick nimmt, die bei einer Zeitarbeitsfirma und nicht über einen anderen Wirtschaftszweig beschäftigt sind.

Quelle Foto: © Robert Kneschke / Fotolia

 

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