Verleihregelung in Corona-Krise: Meinungen der Zeitarbeitsbranche

verfasst von zvoove, 06.04.2020
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Viele Branchen leiden enorm unter der Corona-Krise

Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart. Unternehmen schreiben hohe Umsatzeinbußen und beantragen Kurzarbeitergeld für ihre Mitarbeiter. Besonders betroffene Unternehmen sollen nun die Möglichkeit bekommen, Mitarbeiter auch ohne AÜ-Erlaubnis zu verleihen. Wie ernst ist es mit der Krise? Welche Branchen gehören zu den besonders bedrohten? Und was bedeuten die neuen Verleihregeln für die Zeitarbeitsbranche?

Das Statistische Bundesamt beziffert die wirtschaftlichen Einbußen im Zuge des Corona-Virus wie folgt:

  • Prognose zur Entwicklung des BIP in Deutschland 2020 gegenüber dem Vorjahr: -2,8 Prozent
  • Erwartete Anzahl an Kurzarbeitern in Deutschland 2020: 2,35 Millionen – auch die Bundesregierung rechnet mit diesem Wert. BA-Vorstand Christiane Schönefeld kommentierte das Zukunftsszenario gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung sogar noch drastischer: „Wir nehmen auch in den Blick, dass die Zahlen deutlich höher sein könnten.“
  • Anteil der deutschen Unternehmen, die mit starken Umsatzeinbußen rechnen: 47 Prozent

Einige Branchen trifft es besonders hart: Zum Beispiel Tourismus, Gastronomie, Luftfahrt, Messebetreiber, Kulturstätten, Sportveranstalter.

Tourismus

Die Wirtschaftsleistung von Reise-und Transportgeschäft schätzen Experten auf 6,6 Billionen Euro – das sind rund zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Wegen der Corona-Pandemie rechnet die Tourismusbranche aktuell mit einer Krise, die ähnlich dramatisch ist wie nach den Anschlägen des 11. September 2001.

 

Luftfahrt

Im Worst-Case-Szenario kalkulieren Fluggesellschaften derzeit mit einem Verlust von 113 Milliarden Dollar im Passagiergeschäft (das wären 19 Prozent des Gesamtumsatzes). Die optimistischsten Berechnungen belaufen sich auf einen Passagierrückgang von zehn Prozent. Damit würden deutsche Fluggesellschaften 2,9 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) weniger einnehmen.

 

Messe

Der Verband der Deutschen Messewirtschaft (Auma) schätzt, dass alle bisherigen Absagen/Verschiebungen bis dato zu einem Umsatzverlust von drei Milliarden Euro führen. Hierzulande sind laut Auma 24.000 Arbeitsplätze dieser Branche durch die Coronakrise bedroht.

Gastronomie

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ermittelte in einer Umfrage mit knapp 10.000 Restaurants, Hotels und Eventcaterern, dass knapp 73 Prozent der befragten Restaurants Umsatzverluste verbuchen, Hotels sogar 83 Prozent und die Eventcaterer sprechen von einem Verlust von 85 Prozent. Knapp 50 Prozent aller Betriebe haben bereits mit Umsatzeinbußen von bis zu 500.000 Euro zu kämpfen.

 

Unterhaltungsbranche

Konzert- und Partyveranstaltungen sowie Festivals finden nicht mehr statt, ebenso wenig wie Lesungen, Theateraufführungen etc. Die gesamte Unterhaltungsbranche steht derzeit an einem Wendepunkt. Während Big Player wie die Lanxess Arena möglicherweise auf Rücklagen zurückreifen können, um an neuen digitalen Formaten zu feilen, sind kleine Kulturstätten existenziell bedroht.

 

Firmen dürfen auch ohne Verleiherlaubnis Personal verleihen

Die Corona-Pandemie führte in den vergangenen Wochen zu Beschlüssen, die man noch vor wenigen Monaten vermutlich kopfschüttelnd als „unrealistisch“ abgetan hätte. So sitzt Deutschland größtenteils im Homeoffice, das Kontaktverbot ist Alltag und niemand geht mehr zur Schule. Auch die neuen Beschlüsse zum Kurzarbeitergeld haben zu deutlichen Lockerungen in der KUG-Praxis geführt (wir berichteten bereits darüber in „Corona-FAQ Kurzarbeitergeld: Was Unternehmen jetzt wissen müssen“). Neben den neuen KUG-Regelungen gilt nun auch, dass von der Corona-Krise besonders bedrohte Unternehmen ausnahmsweise auch ohne Verleiherlaubnis Mitarbeiter an Fremdbetriebe verleihen dürfen. So soll eine Umschichtung stattfinden: gebeutelte Branchen, wie z.B. die Gastronomie, können Mitarbeiter an andere Unternehmen verleihen, in denen eher Personalengpässe entstehen. Die Mitarbeiter dürfen jedoch nicht als Leiharbeiter eingestellt werden.

Sebastian Lazay (Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister) fürchtet im Zuge dieser neuen Verleiherlaubnis, dass mögliche arbeitsrechtliche Verletzungen dennoch negativ auf die Zeitarbeitsbranche zurückfallen könnten.

Normalerweise ist eine offizielle Erlaubnis nötig, um Personal verleihen zu können. Diese Regelung findet sich im AÜG (§ 1 Abs. 1 AÜG). Darin heißt es „gewerbsmäßige ANÜ ist grundsätzlich erlaubnispflichtig“.

 

Corona-Krise: Experten kritisieren Verleihpraxis 

Vor diesem neuen Hintergrund ändert sich die Bewertung von KUG in der Zeitarbeit teilweise. Zunächst wurden in der Branche überwiegend positive Stimmen laut. Viele begrüßten die politischen Entscheidungen hinsichtlich des Kurzarbeitergelds. Das AÜG wurde um § 11a ergänzt, damit auch Zeitarbeitnehmer KUG erhalten können. Wir berichteten darüber in „AÜG Änderung für Kurzarbeit: Zeitarbeit erhält Zugang“. Nun äußern Experten teils harsche Kritik. Aus den Reihen des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) meldete sich Präsident Sebastian Lazay. Er kommentierte die derzeitige Verleihpraxis im Handelsblatt mit den Worten: „Sollen wir nun also unsere Beschäftigten organisiert in Kurzarbeit schicken, während andere Unternehmen ohne jede Regulierung mit ihren Beschäftigten vorübergehend unsere Arbeit übernehmen? Bei allem Verständnis für die aktuelle Extremsituation ist das schon grotesk.“

 

Zeitarbeit bei Personalengpässen

Gerade in Krisenzeiten bietet die Zeitarbeit ein wertvolles Rückgrat. „Das Modell der Zeitarbeit, nämlich die richtigen Leute zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen, bewährt sich in Zeiten von akuten Personalengpässen ganz besonders“, heißt es beim Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP). Zeitarbeitsfirmen sind auf die Rekrutierung und Überlassung von Personal spezialisiert. Sie kennen ihre Mitarbeiter und deren Qualifikationen ebenso wie die Bedarfe ihrer Kunden. Ausgebildete Disponenten haben langjährige Erfahrung mit dem Personaleinsatz. Der Verleih von Personal ist in der Branche nur mit AÜ-Erlaubnis möglich. Der Besitz einer solchen Erlaubnis ist mit Auflagen und Pflichten verbunden, er sichert Mitarbeiter und Kunden ab. Bei einem Verleih ohne Erlaubnis fallen diese Absicherungen weg.

 

Fazit

Die Corona-Krise versetzt die Wirtschaft in einen Ausnahmezustand. Sonderregelungen wie erleichterte KUG-Anträge sollen Unternehmen unterstützen. Besonders bedrohte Firmen können ihre Mitarbeiter nun auch ohne AÜ-Erlaubnis verleihen. Dieser Ansatz wird von der Branche scharf kritisiert. Die Verleiherlaubnis ist mit Auflagen verbunden, um die Arbeitnehmerüberlassung zu regulieren. Die Branche ist darauf spezialisiert, Personal zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen – und zwar unter Berücksichtigung wichtiger Verleihregeln. Bei einem unregulierten Einsatz fällt dies weg.

Quelle Foto: © Alexander.Shelegov / Adobe Stock

 

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