Was beschäftigt die Branche? Chancen und Risiken in der Zeitarbeit

verfasst von zvoove, 02.10.2019
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Positive Entwicklungen 

50.600 Verleihbetriebe gibt es in Deutschland. Davon haben 11.600 einen Schwerpunkt in der Arbeitnehmerüberlassung. Derzeit können sich Anbieter auf eine recht stabile Nachfrage in der Logistik, im Groß-, Einzel- und Onlinehandel einstellen. Die Nachfrage im Gesundheitswesen und nach hochqualifizierten Arbeitnehmern ist hoch. Das Marktvolumen in der Branche liegt bei 34,4 Milliarden Euro. Mit einem Rückgang von 0,6 % ist es nahezu konstant geblieben. Insbesondere im 1. Halbjahr 2018 konnten Unternehmen ein gutes Geschäft verzeichnen. Trotz leicht schwächelnder Nachfrage aus der Industrie konnten sie zusätzliche Umsätze generieren. Dies gelang vor allem durch die Vermittlung von Personal oder die Überlassung hochqualifizierter Arbeitskräfte. Eine Differenzierung durch Angebot höher qualifizierter Mitarbeiter kann von Vorteil sein. Unternehmen, die sich auf die Überlassung Hochqualifizierter spezialisiert haben, sind über dem Marktdurchschnitt gewachsen. Dass diese Strategie sinnvoll ist, meint ein Großteil der Befragten in einer PwC-Studie. 73 % sehen in der Differenzierung durch höherqualifizierte Arbeitskräfte eine große Chance. Auch eine Positionierung als Spezialanbieter beurteilen sie als sinnvoll (73 %). In der Fokussierung auf Hilfskräfte hingegen sieht nur ein Fünftel ein ideales Geschäftsmodell. Die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte sei zwar schlechter. Diese erzielten jedoch höhere Margen aufgrund besserer Verrechnungssätze.

Ein Grund für positive Entwicklungserwartungen ist die weitere Flexibilisierung von Personalkosten (PwC-Studie). Kunden können mit dem Modell Zeitarbeit ihre Personal- und Kostenstruktur flexibler gestalten. Die Branche bietet Entleihern eine ad hoc Personalreserve, um Engpässe abzufedern und auf Auftragsspitzen zu reagieren. Der konjunkturelle Aufschwung sei zwar instabil. Dennoch erwarten die Befragten, dass er sich weiterhin positiv auf den Zeitarbeitsmarkt auswirken wird. Auch eine höhere Akzeptanz der Zeitarbeit wird beobachtet. Die Medien haben in den vergangenen Jahren zum Teil positiv über die Branche berichtet (z. B. Zeitarbeit in der Pflege). Viele Unternehmen intensivieren ihr Personalmarketing und investieren in die Stärkung ihrer Employer Brand. Sie positionieren sich vermehrt als attraktive Arbeitgeber oder Employer of Choice.

Große Chancen sehen Zeitarbeitsfirmen in der Digitalisierung. Rund die Hälfte ihrer Prozesse haben Unternehmen bereits digitalisiert. Bis 2021 erwarten sie einen Anstieg auf 70 % (PwC-Studie). Die Unternehmensbereiche Verwaltung (78 %) und Recruiting (66 %) sind besonders von der Digitalisierung betroffen. Sie bietet die Möglichkeit, Prozesse zu verschlanken und zu optimieren. Branchenexperten sehen vor allem Vorteile für Flexibilität (72 %) und Kosteneffizienz (66 %). Mitarbeiter seien dazu in der Lage, Prozesse schneller umzusetzen. Dies steigere die Produktivität. Ein Großteil der Unternehmen nutzt bereits HR-Software. 94 % bewerten diese als wichtig oder sehr wichtig für die Personalarbeit. Insbesondere für das Bewerbermanagement möchten Unternehmen künftig neue oder zusätzliche Software einsetzen (61 %).

 

Risiken für Zeitarbeitsfirmen

  • Fachkräfteengpässe: Über drei Viertel der Betriebe beschäftigt zwischen 10 und 50 Mitarbeiter. Neues Personal zu finden fällt Zeitarbeitsfirmen zunehmend schwer. Fachkräfteengpässe und ein zum Teil flächendeckender Fachkräftemangel machen die Personalrekrutierung zu einer Herausforderung. 82 % der Unternehmen aus der Zeitarbeit berichten von Problemen bei der Stellenbesetzung (DIHK-Arbeitsmarktreport 2019 ). Bei 84 % bleiben Stellen sogar vakant, weil Bewerber fehlen. Die Anzahl der beschäftigten Zeitarbeiter ist zwar mit knapp 1 Millionen hoch. Dennoch ist sie im vergangenen Jahr gesunken. Insbesondere der Anteil an zuvor arbeitslosen und gering qualifizierten (EG1, EG2) Zeitarbeitern ist laut Lünendonk zurückgegangen.
  • In Zukunft könnte sich die Fachkräftesituation noch verschärfen. Demografieforscher prognostizieren einen Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung. Der Anteil älterer Menschen steigt und die Geburtenrate ist relativ schwach. Die geburtenstarke Generation der Babyboomer wird in den kommenden Jahren in Rente gehen. Trotz hoher Netto-Zuwanderung soll die Zahl der Erwerbsfähigen bis 2035 voraussichtlich um 4 bis 6 Millionen sinken (Destatis). In westdeutschen Flächenländern wird bis 2060 eine Verringerung um 16 % erwartet, in ostdeutschen um 30 %. Zudem geht die **Arbeitslosenzahl **weiter zurück. Zwei Drittel der Zugänge in die Zeitarbeit waren zuvor nicht beschäftigt. Insbesondere Langzeitarbeitslose stellen für Zeitarbeitsfirmen eine wichtige Mitarbeiterquelle dar. Arbeitslose wiederum profitieren von einer Anstellung in der Zeitarbeit, indem sie wieder am Arbeitsmarkt Fuß fassen.
  • rechtliche Rahmenbedingungen: Die AÜG-Reform vom 1. April 2017 wurde stark kritisiert. Insbesondere Equal Pay und Höchstüberlassungsdauer gaben Anlass für negative Entwicklungserwartungen. 73 % der Unternehmen befürchteten ein Ausscheiden von Zeitarbeitsfirmen am Markt. 71 % gingen von verringerten Beschäftigungszeiten der Zeitarbeiter aus (PwC Studie). Auch bei Zeitarbeitskräften stieß die Reform auf Skepsis. Einige Einsätze (z. B. Projekte) sind häufig länger angelegt, als es die Überlassungshöchstdauer zulässt. Mitarbeiter müssen dann mitten im Einsatz abgezogen werden. Von Übernahmen der Leiharbeiter durch Kunden wurde nicht häufiger berichtet. Oft wechseln Mitarbeiter in ein Unternehmen, das ihnen einen befristeten Vertrag bietet. Der Vertrag in der Zeitarbeit ist i. d. R. unbefristet (WiWo). In Zukunft müssen sich Zeitarbeitsfirmen ggf. auf weitere Neuerungen einstellen. Das reformierte AÜG soll 2020 evaluiert werden (§ 20 AÜG). 2022 erfolgt eine Veröffentlichung der Evaluation in einem Forschungsbericht (iGZ).

 

Fazit

Insgesamt ist die Nachfrage am Zeitarbeitsmarkt recht stabil. Eine Ausnahme bildet die Industrie, insbesondere die exportorientierte Automobil- und Chemieindustrie und der Maschinenbau. Die Zahl der zuvor arbeitslosen und niedrig qualifizierten bzw. gering vergüteten Zeitarbeitskräfte ist zurückgegangen. Trotz Rückgang ist die Zahl der Leiharbeiter mit fast 1 Millionen recht hoch. Eine der größten Herausforderungen für Zeitarbeitsfirmen besteht in der Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter. Auch die AÜG-Neuerungen haben ihre Auswirkungen. Nach Evaluation des Gesetzes ist ggf. mit weiteren Änderungen zu rechnen.

Quelle Foto: © Prostock-studio / Adobe Stock

 

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