Weniger Zeitarbeit in der Pflege: Kosmetik statt echte Problemlösung

verfasst von zvoove, 07.01.2020
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Verbot von Zeitarbeit in der Pflege: Was würde es bringen?

In Deutschlang gibt es 3,4 Millionen Pflegebedürftige, aber nur wenig Personal. Im Schnitt bleiben Stellen für Altenpflegefachkräfte 183 Tage vakant. In der Krankenpflege beträgt die Vakanzzeit 154 Tage (BA-Statistik: Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich). In solch einer Mangelsituation hat Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci angekündigt, die **Leiharbeit in der Pflege verbieten **zu wollen. Sie gab Ende 2019 bekannt, eine Bundesratsinitiative für das Verbot zu starten. Voraussichtlich wird ein solches Verbot nicht kommen. Stattdessen ist seit Februar 2020 eine Bundesratsinitiative zur Eindämmung von Leiharbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen geplant. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich für eine solche Reduktion der Zeitarbeit in der Pflege ausgesprochen. Nur in Ausnahmefällen sollen Zeitarbeiter das Tagesgeschehen unterstützen. Die durch Zeitarbeit entstehenden Kosten sollen nicht mehr über die Krankenkassen **refinanziert **werden können. Dazu zählen Vermittlungsprovisionen und Zusatzkosten, die über die tarifvertragliche Vergütung hinausgehen.

Das Hauptargument für die Aktion: Pflegekräfte fliehen in die Zeitarbeit, da sie dort bessere Bedingungen vorfinden (Zeitarbeit in der Pflege: Vor- und Nachteile). Oft haben sie mehr Einfluss auf den Dienstplan und verdienen ein übertarifliches Gehalt. Durch die gefürchtete Abwanderung reduziere sich das eh schon ausgedünnte Stammpersonal. So die Befürchtung. Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Die Quote der Zeitarbeitsbranche an allen Pflegekräften beträgt lediglich 1,02 %.

 

 Eher Kosmetik statt echte Problemlösung

Dass die aktuelle Personalsituation einer Veränderung bedarf, steht fest. Dies gilt besonders mit Blick auf die voraussichtlich steigende Anzahl an Pflegebedürftigen. Wenig sinnvoll ist es jedoch, eine weitreichende Entscheidung auf eine kontrafaktische Behauptung zu stützen (s. o.). Anstatt ein pauschales Verbot für die Zeitarbeit auszusprechen oder Zeitarbeit radikal einzudämmen, sollten die Arbeitsbedingungen für die Stammbelegschaft in den Fokus rücken. Anstatt die Möglichkeit guter Bedingungen in der Zeitarbeit zu unterbinden, sollten an anderer Stelle bessere Konditionen geschaffen werden. Pflegekräfte entscheiden sich aus gutem Grund für die Zeitarbeit. Durch die gesetzliche Limitierung wird ihnen die Entscheidungsmöglichkeit genommen. Strukturelle Probleme werden dadurch nicht behoben. Ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage, Qualifizierungslücken und ein ausbaufähiges Image des Pflegeberufs bleiben bestehen. Ein Verbot oder eine Eindämmung der Zeitarbeit scheint eher ein kosmetischer Eingriff an der Oberfläche statt ein Lösungsversuch tieferliegender Strukturprobleme. Es ist eben relativ leicht, die Zeitarbeitsbranche als Sündenbock darzustellen.

 

Unerwünschte Folgen einer Eindämmung

Die Zeitarbeit ist ein wichtiger Puffer für Arbeitgeber. Besonders in der Pflege mangelt es an Personal. Bei Altenpflegefachkräften besteht bundesweit ein Fachkräftemangel. Bei Fachkräften in der Krankenpflege sieht es nicht viel besser aus. Mit Ausnahme von 3 Bundesländern herrscht überall ein Mangel an qualifiziertem Personal. Viele Pflegeeinrichtungen sind dringend auf die Unterstützung durch Zeitarbeitskräfte angewiesen. Rund 22.000 Zeitarbeitskräfte arbeiten laut BA in der Krankenpflege, 12.000 im Bereich Altenpflege.

Ein weitgehender Ausschluss von Zeitpersonal aus der Pflege könnte verheerende Auswirkungen haben. Bereits überlastetes Stammpersonal muss sich auf eine höhere Arbeitsbelastung einstellen. Überstunden werden schlechter gepuffert. Leiter von Pflegeeinrichtungen müssen sich Gedanken machen, wie sie die Personallücken ohne externes Personal füllen. Folgen hätte die Entscheidung nicht nur für das Personal. Auch Pflegebedürftige bekommen die wegfallende Entlastung zu spüren. Für Pflegekräfte bleibt noch weniger Zeit, die sie für Pflegebedürftige aufbringen können. 

 

Keine Verdrängung von Stammpersonal 

Zwar bietet die Zeitarbeit einen wichtigen Puffer bei Personalengpässen in der Pflege. Die Befürchtung, dass Zeitarbeitskräfte die Stammbelegschaft verdrängen scheint jedoch unangemessen. Alles in allem beträgt die Quote der Zeitarbeitsbranche an allen Pflegekräften knapp 1 %. Statt auf die Zeitarbeit zu blicken, sind arbeitsmarktstrukturelle Fragen wichtig. Die Arbeitslosigkeit in der Krankenpflege ist mit rund 1 % auf sehr niedrigem Niveau. In der Altenpflege ist die Arbeitslosenquote mit 5,1 % ebenfalls recht niedrig (BA-Statistik). Dies gilt insbesondere für examinierte Pflegekräfte. Im Jahresdurchschnitt 2018 wurden 23.900 Stellen in der Altenpflege und 15.700 Vakanzen in der Krankenpflege bei der BA gemeldet.

Problematisch ist, dass Angebot und Nachfrage vielfach nicht übereinstimmen (Arbeitslosen-Stellen-Relation). Auf 100 gemeldete Stellen kommen zu wenig examinierte Pflegekräfte, bei den Helfern ist die Situation umgekehrt. Entsprechend müsste die Qualifikationsstruktur geändert werden. Solche strukturellen Anstöße sollten eher Aufgabe der politischen Steuerung sein als die Aussprache pauschaler Restriktionen, die an den Strukturproblemen nichts ändern. Weder kann die Zeitarbeit für politische Versäumnisse verantwortlich gemacht werden. Noch ist es ihre Aufgabe, die Versorgungslücken zu schließen. Sie bietet schlicht und einfach einen wichtigen Puffer in der aktuellen Situation hoher Personalengpässe.

 

Fazit

Die Zeitarbeit ist ein wichtiger Puffer bei Personalengpässen. Dies gilt besonders in Branchen mit Personalmangel. In der Pflege herrscht seit Langem ein Personalnotstand. Stellen sind zum Teil mehrere Monate vakant. Die Personalengpässe bekommen Stammpersonal und Pflegebedürftige gleichermaßen zu spüren. Leiharbeiter können hier zumindest temporär entlasten. Die Zeitarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur punktuellen Verbesserung der Versorgungssituation. Dieser Puffer entfällt, sollte Berlin ein Leiharbeitsverbot oder andere Restriktionen in der Pflege beschließen. Das Hauptargument für das Verbot basiert auf einer kontrafaktischen Behauptung. Statistiken sprechen gegen eine befürchtete Abwanderung von Stammbeschäftigten.

Foto: pikselstock © / Fotolia

 

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