Rhetorik in Stellenanzeigen: Diese Worte schrecken Frauen ab

verfasst von zvoove, 07.10.2020
keyboard_arrow_left Zurück zur Übersicht

Erster unter Gleichen: Mehr Männer auf Führungsebene 

Genderdebatten stehen seit einigen Jahren auf der medialen Tagesordnung – 2016 schaffte es die Diskussion weg von Lippenbekenntnissen und hin zu Fakten: Damals verabschiedete der Bund das Gesetz zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen: Mindestens 30% des Managements großer börsennotierter Unternehmen sollten demnach in Zukunft weiblich sein. Ein Realitätscheck zeigt zwar, dass das Gesetz ganz langsam in den Chefsesseln Platz nimmt: 2018 ermittelte das Statistische Bundesamt, dass jede dritte Führungskraft weiblich war (29,4%). Allerdings ist ihr Anteil an Führungspositionen damit deutlich geringer als der generelle Anteil von Frauen unter allen Erwerbstätigen (46,5%). Und überhaupt: Zwei Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes war nicht einmal die Mindestanforderung von 30% erfüllt. Warum?Übrigens: Hier finden Sie unseren detaillierten Guide, der alle Fragen rund um Stellenanzeigen beantwortet.

Genderwording in Stellenanzeigen

Einer der vielen Gründe dafür könnten Stellenanzeigen sein – und zwar solche, die aufgrund ihrer Sprache kein Gehör bei Leserinnen finden, weil sie sich dem sogenannten Genderwording bedienen. Schon vor vielen Jahren ging eine Studie der Frage nach, ob die bloße Präsenz bestimmter Worte in Stellenanzeigen Frauen oder Männer davon abhält, sich zu bewerben.

Damals veröffentlichten Forscher manipulierte Stellenanzeigen in Zeitungen: Sie formulierten u.a. die Ausschreibungen für männerdominierte Jobs so, dass sich vor allem Frauen angesprochen fühlten. Das wenig überraschende Ergebnis zeigte: es gingen deutlich mehr Bewerbungen von Frauen ein.

Doch wovon fühlen Frauen sich angesprochen? Studien zeigen, dass Frauen mehr soziale und emotionale Worte nutzen und häufig von Beziehungen sprechen, indem sie z.B. viele Personalpronomen nutzen (Vgl. Newman, Groom, Handelman, & Pennebaker, 2008). Der Duktus verändert sich auch, wenn über verschiedene Geschlechter geschrieben wird – dabei spielt das Geschlecht des Autors keine Rolle (Vgl. Schmader, Whitehead, & Wysocki, 2007). So weisen Empfehlungsschreiben für Uni-Jobs beispielsweise extreme Unterschiede auf: Wird für die Stelle ein Mann empfohlen, finden sich häufiger Worte wie „einzigartig“ oder „herausragend“ – im Gegensatz zur Empfehlung weiblicher Positionen, denen passive und soziale Eigenschaften zugeschrieben werden.

Stellenanzeigen: Typisch Mann, typisch Frau

Fakt ist: Stellenanzeigen, die Leser als attraktiv betrachten, lösen Gefühle der Zugehörigkeit aus und gelten als „bewerbenswert“. Ein Ziel, das alle Personaler teilen und mit der richtigen Wortwahl deutlich schneller erreichen. Die HR-Startup-Gründer Spitzer und Tschürtz untersuchten in ihrer Studie „Genderbias in Stellenanzeigen“ zusammen mit der Linguistin Dr. Simone Burel, inwieweit Stellenanzeigen im Jahr 2019 von einer genderspezifischen Wortwahl betroffen waren.

Dafür sammelten sie 32.000 Jobanzeigen aus Online Jobbörsen, die sie anschließend mit einer Textanalyse-Software gründlich nach geschlechterspezifischen Formulierungen und weiteren sprachpsychologischen Merkmalen überprüften. So wollten sie herausfinden, ob männerdominierte Jobs (z.B. IT-Branche) durch entsprechend maskulines Wording auffielen und es andersherum mit „weiblichen“ Berufen (z.B. Erzieherin) genauso ist. Die Forscher berücksichtigten bei der Auswertung auch implizite Motive (also die Beweggründe, sich für einen Job zu entscheiden.) Diese unterteilten sie in Macht, Leistung und Beziehung.

Im Rahmen der Studie entstanden zwei geschlechterspezifische Wörterbücher mit zusammen 1.300 Begriffen. Ein kleiner Auszug:

Feminine Worte

  • aneinander
  • angenehm
  • anschmiegsam
  • ansprechend
  • Anstand
  • Anteilnahme
  • anvertrauen
  • anvertraut
  • aufgemuntert
  • aufmerksam

Maskuline Worte

  • abenteuerlich
  • abenteuerlustig
  • aggressiv
  • aktiv
  • ambitioniert
  • ambitiös
  • analysierend
  • angeben
  • Angeber
  • angriffslustig

Frauen haben Beziehungsmotive, Männer wollen Leistung 

Wie schon viele Jahre zuvor war das Ergebnis der jüngeren Studie, dass in deutschen Stellenanzeigen je nach dominierendem Geschlecht eine entsprechende Wortwahl getroffen wurde. Außerdem fand sich das Leistungsmotiv häufiger in männlich besetzten Bereichen, während das Beziehungsmotiv bevorzugt in „femininen“ Berufen vorkam. Beim Machtmotiv gab es keine Unterschiede.

Die Studie untersuchte außerdem, ob sich die geschlechterspezifischen Formulierungen auch bei Berufen mit hohem oder niedrigem Einkommen vorkommen. Dafür sind folgende Berufe beispielhaft ausgewählt worden:

Hoch bezahlte Berufe

  • Geschäftsführer (6.106 €)
  • Anwalt (5.506 €)
  • Ingenieur (4.349 - 5.201€)
  • Informatiker (4.583 €)
  • Industriemechaniker (4.150 €)

Niedrig bezahlte Berufe

  • Zimmermädchen (1.487 €)
  • Hotelfachleute (1.519 €)
  • Verkäufer (1.841 €)
  • Reinigungskräfte (1.863 €)
  • Arzthelfer (2.068 €)

Die Daten stammen laut Studie vom statistischen Bundesamt, das Ergebnis zeigte Folgendes: 
Rhetorik in Stellenanzeigen: Diese Worte schrecken Frauen ab

Bild: Screenshot via „Genderbias in Stellenanzeigen“

Gut bezahlte Jobs weisen also einen deutlich** höheren Anteil maskuliner Worte** auf, ebenso wie Macht-und Leistungsmotive. Wirft man wir einen Blick auf aktuell ausgeschriebene Führungspositionen, bestätigt das die Erkenntnisse der Studie. Allein die Formulierungen der **Jobtitel **sprechen trotz der Angabe des vorgeschriebenen „m/w/d“ eindeutig verstärkt Männer an:

  • Geschäftsführer (m/w/d)
  • Stellvertretender Geschäftsführer (m/w/d)
  • Geschäftsführer, besonderer Vertreter (m/w/d)

Stellenanzeigen verfestigen Ungleichheit zwischen Geschlechtern

Das Fazit der Studie ist, dass strukturelle Ungleichheiten in der Wortwahl von Stellenanzeigen bestehen, die vorhandene Geschlechterunterschiede stützen und verfestigen. Auf diese Weise findet freilich keine Gleichstellung in Richtung der gleichen Bezahlung statt. Stattdessen fördert sie diese vielmehr, wenn in Stellenausschreibungen für schlecht bezahle Jobs Wording und Motive vorkommen, die Frauen in den Fokus stellen. Laut Studienleiter passiert dies allerdings in den meisten Fällen unbeabsichtigt und beruht auf traditionellen Geschlechterrollen, die noch längst nicht überwunden sind.

Stellenanzeigen für mehr Bewerberinnen 

Auf dem Papier ist die Geschlechtsneutralität in Stellenanzeigen längst rechtlich vorgeschrieben – und wurde 2018 sogar um „divers“ ergänzt. Die Studie zeigt allerdings deutlich, dass von tatsächlich diskriminierungsfreien Ausschreibungen oft nicht die Rede sein kann. Ein erster wichtiger Schritt ist das Erkennen dieser (unterbewussten) Vorgehensweise, um diese langfristig zu ändern. Insbesondere die stark auf Männer ausgerichteten **Führungspositionen **verringern den Zulauf von Bewerberinnen enorm, was sich völlig konträr zum eigentlichen Vorhaben des Bundes verhält, Frauen verstärkt auf Managementebene zu etablieren. Genderneutale – oder sogar explizit feminin formulierte Stellenanzeigen – könnten also auch ein Mittel sein, um das geschlechtliche Ungleichgewicht auf Führungsebene auszugleichen. Andersherum haben Branchen, denen es an Männern fehlt (soziale Berufe), mit entsprechenden **Formulierungen **ebenfalls die Möglichkeit, den Zulauf männlicher Bewerber zu fördern.

 

Fazit

Mit der richtigen Formulierung von Stellenanzeigen können Unternehmen viel bewegen. Im Hinblick auf die Studie zeigt sich, dass tradierte Gewohnheiten oft dafür sorgen, dass sich altbackene Vorstellungen hartnäckig in Stellenanzeigen halten. Da veraltete Begrifflichkeiten meist den Mann in den Mittelpunkt rücken, bewerten Frauen derartige Jobangebote als unattraktiv. In Zeiten des Fachkräftemangels kann es sich jedoch kein Unternehmen mehr leisten, eine bestimmte Bewerbergruppe abzuschrecken – seien es Frauen oder Männer. Hier empfiehlt es sich, die eigenen Stellenanzeigen einmal kritisch zu hinterfragen und möglicherweise zu überarbeiten.

Quelle Foto: © kues1 / Adobe Stock

 

Du besuchst zvoove.com mit dem Internet Explorer

Dieser Browser wird seit 2020 nicht mehr unterstützt. Das bedeutet, dass Dir einige Funktionen von zvoove.com nicht zur Verfügung stehen.

Damit du alle Funtionen von zvoove.com nutzen kannst, empfehlen wir, unsere Webseite mit einem aktuellen Browser wie Microsoft Edge, Mozilla Firefox oder Google Chrome zu besuchen.