Wie aussagekräftig ist der Pay Gap in der Zeitarbeit? Teil 1

verfasst von zvoove, 06.03.2019
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Warum ein pauschaler Entgeltvergleich verzerrt

Die Lohndifferenz zwischen Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten fällt geringer aus als gedacht: Ein** einfacher Pauschalvergleich von Entgeltstrukturen**, der für 2017 einen Equal Pay Gap von 1.868 Euro zu 3.260 Euro (Differenz: 1.392 Euro) ergeben hat, ist nicht differenziert genug. Der absolute Pay Gap ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Medianentgelt (mittleres Bruttoentgelt) eines Nichtleiharbeitnehmers und dem eines Leiharbeitnehmers. Der relative Wert wird anschließend zum Medianentgelt eines Nichtleiharbeiters ins Verhältnis gesetzt (dividiert). Die Bundesagentur für Arbeit hat kürzlich ein Modell vorgelegt, das lohnrelevante Merkmale wie unterschiedliche **Beschäftigungsstrukturen **von Zeitarbeitskräften und Stammbelegschaft berücksichtigt (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Grundlagen: Methodenbericht – Bereinigter Pay Gap). In der Zeitarbeit ist der Anteil an Hilfskräften im Vergleich zu den Gesamtbeschäftigten deutlich höher: Laut aktuellem Arbeitsmarktbericht sind über die Hälfte der Zeitarbeiter als Hilfskraft tätig. Unter den Nichtleiharbeitnehmern sind es lediglich 11 %. Die Arbeitnehmerüberlassung bietet für Geringqualifizierte und Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung niedrigschwellige Angebote und einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele junge Arbeitskräfte und Berufseinsteiger machen von dem Modell Gebrauch: Beinahe die Hälfte der Zeitarbeitnehmer ist jünger als 35 Jahre – bei den Gesamtbeschäftigten ist es rund ein Drittel. Das Gehalt von Berufseinsteigern fällt i. d. R. niedriger aus als von Menschen mit langjähriger Berufserfahrung. Diese und weitere Faktoren spielen in eine aussagekräftige Berechnung der Lohnabstände mit rein. Der unbereinigte Pay Gap ist aufgrund mangelnder Berücksichtigung lohnrelevanter Merkmalsstrukturen verzerrt. Die BA nähert sich mit ihrem Modell einer differenzierteren Bewertung an.

Wie sieht der bereinigte Wert aus? 

Saubere Berechnungen, die u. a. das unterschiedliche Anforderungsniveau von Stammbeschäftigten und Leiharbeitnehmern einkalkulieren, ergeben ein ganz anderes Ergebnis als die ermittelte Differenz von 1.392 Euro (s. o.). Werden vernachlässigte Merkmale mit einbezogen, liegt das Medianentgelt eines Zeitarbeitnehmers im erweiterten Modell bei 2.630 Euro statt bei 1.868 Euro. Das sind 141 % bezogen auf den ursprünglichen Wert. Der unbereinigte Wert gibt Auskunft über das Medianentgelt bei gleichen Strukturen von Leih- und Nichtleiharbeitnehmern, der bereinigte bezieht Strukturunterschiede mit ein. Das Modell der BA berücksichtigt verschiedene Merkmale und Merkmalskombinationen, deren Gewichtung angepasst wird:

  • Anforderungsniveau (Hilfskraft, Fachkraft, Experte, Spezialist)
  • Staatsangehörigkeit (Deutsche, Ausländer)
  • Altersgruppen (unter 25 Jahren, 25 bis 55 Jahre, 55 Jahre und älter)
  • Berufssegmente (z. B. Land-, Forst- und Gartenbau, Fertigungsberufe…)
  • bisherige Beschäftigungsdauer (unter 9 Monate, über 9 Monate – die Werte orientieren sich an dem Grenzwert für das seit Inkrafttreten der AÜG-Reform geltende gesetzliche Equal Pay von 9 Monaten)

Das bereinigte Entgelt lässt sich isoliert für die einzelnen Merkmale betrachten, z. B. für Helfer (1.703 Euro/107 %), Fachkräfte (2.358 Euro/108 %), Spezialisten (3.660 Euro/102 %) und Experten (4.668 Euro/102 %). Über die Hälfte des unbereinigten Pay Gaps lässt sich anhand des Modells erklären. Die verbleibende Lohndifferenz kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden. Gründe können laut Bericht bspw. die Beschäftigungsdauer bei einem Entleiher, arbeitnehmerspezifische Kompetenzen, durchschnittlich kürzere Arbeitszeiten oder die Stabilität der Erwerbsbiographie sein.

 

Schritte zur Entgeltangleichung 

Branchenzuschläge, die eine sukzessive Annäherung der Entgelte von Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten vorsehen, sollen eine faire Entlohnung sicherstellen. Branchenzuschläge gelten für alle Unternehmen, die den entsprechenden Branchen angehören bzw. die dort eingesetzten Zeitarbeitnehmer. Die Höhe der Branchenzuschläge ist abhängig von der Entgeltgruppe (EG 1 bis EG 9), Einsatzort und -zeitraum. Mit der AÜG-Reform vom 01.04.2017 ist die Equal-Pay-Vorschrift in Kraft getreten: Nach 9 Monaten ununterbrochener Einsatzzeit im Entleihunternehmen (gesetzliches Equal Pay) bzw. nach 15 Monaten (tarifliches Equal Pay) haben Zeitarbeitnehmer Anspruch auf ein gleichwertiges Entgelt. Darin enthalten sind z. B. vermögenswirksame Leistungen, Verpflegungszuschüsse, Entgeltfortzahlungen, Sonderzahlungen (z. B. Prämien, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld), Zulagen oder Zuschläge (Sonntag-, Feiertag-, Nacht-, Überstunden-, Schichtzuschlag). Als ununterbrochen gilt ein Einsatz, wenn keine Unterbrechung von über 3 Monaten stattfindet. Dies gilt auch, wenn der Arbeitnehmer beim selben Kunden durch einen anderen Personaldienstleister eingesetzt wurde. 

Kommt ein Branchenzuschlagstarifvertrag der Einsatzbranche zum Tragen, sind Abweichungen unter folgenden Voraussetzungen möglich:

  1. Spätestens nach dem 15. Monat** **der Überlassung beim selben Kunden erhält der Zeitarbeitnehmer ein mit dem tarifvertraglichen Entgelt vergleichbarer Mitarbeiter gleichwertiges Arbeitsentgelt.

  2. Nach einer Einarbeitungszeit von 6 Wochen hat eine stufenweise Annäherung an das Vergleichsentgelt zu erfolgen.

Neben Equal Pay und Equal Treatment, gelten mit der AÜG-Reform weitere Regelungen wie die gesetzliche Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten, Kennzeichnungs-, Konkretisierungspflichten und die Informationspflicht. Die Reform hat u. a. zum Ziel, missbräuchliche Vertragskonstruktionen und verdeckte Arbeitnehmerüberlassung zu verhindern.

 

 

 

Fazit

Die Lohndifferenz zwischen Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten lässt sich durch bereinigte Werte etwas differenzierter abbilden als durch einfache Pauschalvergleiche von Entgeltstrukturen. Beschäftigtenstrukturen in der Zeitarbeit unterschieden sich z. T. deutlich im Vergleich zu den Gesamtbeschäftigten, z. B. durch einen höheren Anteil an Hilfskräften und jüngeren Arbeitskräften. Das Modell Arbeitnehmerüberlassung bietet z. B. niedrigqualifizierten Menschen und Berufseinsteigern eine Chance, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und Berufserfahrung zu sammeln. Verschiedene Faktoren wie Anforderungsniveau, Alter, Berufssegment und bisherige Beschäftigungsdauer können das Entgelt beeinflussen und werden im BA-Modell berücksichtigt. Dennoch verbleibt auch im differenzierteren Modell der BA ein ungeklärter Teil des Pay Gaps von 45%. An dieser Stelle will ein innovatives Projekt der iGZ gemeinsam mit prosoft einhaken und einen neuen Ansatz zur Berechnung von Entgeltdifferenzen entwickeln. Mehr dazu erfahren Sie im zweiten Teil unserer "Pay Gap"-Reihe kommende Woche.

Foto: © Antonioguillem / Fotolia

 

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