Pay Gap in der Zeitarbeit: iGZ plant neuen Berechnungsansatz (Teil 2)

verfasst von zvoove, 13.03.2019
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Stolpersteine im AÜG: Equal Pay & Co.

Seit 1. April 2017 gilt das reformierte Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG), das die Überlassung von Arbeitnehmern an Entleihunternehmen und deren vereinbarte Arbeitsleistung regelt. Die neue Gesetzgebung wurde mit dem Ziel verabschiedet, den missbräuchlichen Einsatz von Zeitarbeitern zu verhindern. Das überarbeitete AÜG enthielt bekanntlich etliche Updates - von der allgemeinen Definition der Zeitarbeit über das Einsatzverbot bei Streik bis hin zu Kettenüberlassungen. Die wohl bedeutendsten Änderungen des AÜG waren jedoch die neuen Bestimmungen zur Höchstüberlassungsdauer und zum Equal Pay. Letzteres besagt, dass Zeitarbeitnehmer nach neunmonatigem Einsatz beim Entleiher hinsichtlich des Arbeitsentgeltes mit der Stammbelegschaft gleichgestellt werden müssen. Um diese Gleichstellung beim Entgelt zu gewährleisten, bedarf es allerdings exakter Informationen des Entleihers. Dieser muss die Gehaltsbestandteile der Stammbelegschaft darlegen, um gewährleisten zu können, dass Zeitarbeitnehmer mit demselben Lohn vergütet werden. Insbesondere aufgrund der undurchsichtigen Definition einzelner Entgeltbestandteile steht die Equal Pay Novelle seit ihrer Einführung immer wieder in der Kritik. Laut Experten seien die neuen Vorschriften nicht praxistauglich. So sei es laut Kritikern oft der Fall, dass gar kein Stammmitarbeiter für den Vergleich vor Ort sei – weshalb man ja erst auf Zeitarbeit zurückgreife. Darüber hinaus stelle die komplexe Bemessungsgrundlage des Entgelts die Personaldienstleister immer wieder vor Herausforderungen. Laut AÜG zählen in diese Vergleichsgrundlage alle Bruttovergütungsbestandteile (sämtliche Zahlungen in Geld und Sachleistungen) der Stammbelegschaft, um die Vergütung der Zeitarbeiter zu ermitteln. Das Problem: Die hohe Spannweite dieser Lohnbestandteile verkompliziert die Berechnung der Bezahlung – und Personaldienstleister laufen im schlimmsten Fall Gefahr, nicht rechtskonform zu handeln. Das kann in letzter Instanz mit einem Bußgeld von bis zu 500.000 Euro und dem Entzug der AÜ-Erlaubnis geahndet werden.

Kritik an pauschalem Entgeltvergleich

Der Entgeltvergleich ist schlichtweg zu undifferenziert, da in der Zeitarbeit z.B. deutlich mehr Hilfskräfte tätig sind als im Vergleich zu den Gesamtbeschäftigten. So scheint es immer wieder, als würde die Branche Äpfel mit Birnen vergleichen müssen, woraus sich logischerweise enorme Abweichungen ergeben – vergleicht man beispielsweise das Gehalt eines geringqualifizierten Zeitarbeitnehmers mit dem eines akademischen Stammbeschäftigten. Darüber hinaus ist fast die Hälfte der Leiharbeiter jünger als 35, während es bei den Gesamtbeschäftigten ein Drittel ist. Da der Lohn von Berufseinsteigern deutlich niedriger ausfällt als der von Berufserfahrenen, spielt auch dieser Faktor in die vorherrschenden Entgeltdifferenzen (also in den Pay Gap) hinein. **So ergab sich im Jahr 2017 ein Pay Gap von 1.392 Euro **– mit 1.868 Euro in der Zeitarbeit im Vergleich zu 3.260 Euro außerhalb davon. Um hier einzuhaken hat die Bundesagentur Für Arbeit jüngst ein Modell zur Berechnung der Lohndifferenz zwischen Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten vorgelegt, das unterschiedliche Beschäftigungsstrukturen berücksichtigt – wir berichteten bereits letzte Woche in unserem Beitrag Wie aussagekräftig ist der Pay Gap in der Zeitarbeit? Teil 1 über die Zahlen der BA. Darin betrachtet die BA einzelne Merkmale wie Geschlecht, Alter, Berufssegment etc. isoliert voneinander und versucht auf diese Weise ein realistischeres Bild des Pay Gaps zu zeichnen bzw. diesen zu bereinigen. In diesem Modell werden z.B. die abweichenden Tätigkeiten der Beschäftigten und das Anforderungsniveau einkalkuliert. So ergibt sich ein Medianentgelt für Zeitarbeitnehmer von 2.630 statt 1.868 Euro. Nichtsdestotrotz steckt auch im Fazit des BA-Methodenberichts ein nicht unerheblicher Pay Gap und es stellt sich die Frage, ob und wie dieser bereinigt werden kann.

iGZ & prosoft: Neuer Ansatz zur Pay Gap-Berechnung

Wie kommt dieser unerklärte Teil des Pay Gaps trotz der detaillierteren BA-Berechnung Zustande? Eine Überlegung ist die Tatsache, dass Leiharbeiter auf ihrem Arbeitszeitkonto die Möglichkeit haben, Plussalden oder Zeitguthaben anzusammeln. Das wiederum wirkt sich auf den Auszahlungszeitpunkt der Bruttoentgelte aus, der also teils versetzt stattfindet. Dadurch können je nach Auftragslage mehr oder weniger Entgelte in die Erhebung zur Gleichstellung eingehen als bei der Stammbelegschaft. Um grundsätzlich mehr Klarheit in Sachen Equal Pay zu schaffen, hat die iGZ zusammen mit Vertretern aus der Wissenschaft und Softwareunternehmen – darunter auch prosoft –  ein innovatives Projekt ins Leben gerufen. Das gemeinsame Ziel ist eine differenzierte und realistische Analyse von Entgeltdifferenzen zwischen Zeitarbeitskräften und vergleichbaren Stammbeschäftigten. Wir von prosoft unterstützen Personaldienstleister aus der Zeitarbeit seit über 30 Jahren mit unserer Branchenführer-Software AÜOffice®. Office® erstellt unter anderem vollautomatisierte Abrechnungen inklusive SV-Anteilen und Branchenzuschlägen. Darüber hinaus sorgt die Web-Zeiterfassung für eine korrekte Pflege des Arbeitszeitkontos von Zeitarbeitnehmern. Auf Basis unseres exakten und praxiserprobten Lohnprogramms möchten wir das Projekt dahingehend unterstützen, endlich realistische Zahlen bei etwaigen Entgeltdifferenzen herauszufiltern. Bei einem Auftakt-Meeting Mitte Februar sammelten wir bereits erste spannende Ideen. Über alle weiteren Entwicklungen und sich daraus ergebenden Daten halten wir Sie selbstverständlich auf dem Laufenden.

 

Fazit

Pauschalvergleiche von Entgeltstrukturen sind für die Berechnung von Equal Pay keine hinreichende Grundlage. Eine differenziertere Betrachtungsweise, die unterschiedliche Faktoren wie das Berufssegment oder die Altersgruppe berücksichtigt, sind deutlich aussagekräftiger. Die Bundesagentur für Arbeit nähert sich mit ihrem Methodenbericht einer realistischeren Berechnung der Lohnabstände an – dennoch steht die Frage im Raum, ob die nötige Expertise und Branchenkenntnis vorhanden sind, um eine differenzierte Analyse des Pay Gaps vornehmen zu können. Die Initiative des iGZ zusammen mit der Wissenschaft und Softwareunternehmen wie prosoft möchte an dieser Stelle einhaken und ihre langjährige Erfahrung dafür nutzen, um ein weiteres Berechnungsmodell zu entwickeln. Dessen Ergebnis sollte den Pay Gap zwischen Zeitarbeitern und Stammbeschäftigten bestenfalls punktgenau herausstellen und so eine praxistaugliche Equal Pay-Grundlage für die Zeitarbeit schaffen. 

Foto: © Andrey Popov/ Fotolia

 

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