Burnout vs. Boreout

verfasst von zvoove, 18.10.2016
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Überarbeitet, erschöpft, ausgebrannt

Kaum ein journalistisches Medium hat das Phänomen nicht aufgegriffen: das Burnout-Syndrom. Auch der medizinische Laie weiß meist, was sich dahinter verbirgt: ein emotionales und physisches Ausgebranntsein durch Überforderung (engl. burn out für ausbrennen). Dabei ist das Burnout-Syndrom noch nicht mal eine eigenständige Diagnose. Kritiker sehen es als Euphemismus für die Depression. Überarbeitung ist gesellschaftlich weniger stigmatisiert als eine depressive Erkrankung. 

Dennoch: Im ICD 10, dem medizinischen Diagnoseschlüssel, ist Burnout als Zusatzdiagnose anerkannt. Betroffene Arbeitnehmer weisen meist lange Krankheitsphasen auf, was mit Arbeitsausfällen und Produktivitätsverlusten einhergeht. Hier kann der Arbeitgeber entgegenwirken – mit den richtigen Arbeitsstrukturen (Verhältnisprävention) und Präventionsangeboten. Gefährdet sind i. d. R. Menschen mit einem überhöhten Leistungsanspruch und übermäßigem Engagement. Nach dem ERI-Modell (effort-reward-imbalance model) ist die Imbalance zwischen Arbeitsanforderungen und eigenen Ressourcen eine Ursache für das Burnout-Syndrom. Das Anforderungs-Kontroll-Modell geht davon aus, dass dauerhaft überhöhte Arbeitsanforderungen gepaart mit einem geringen Kontroll- oder Entscheidungsspielraum (Selbstwirksamkeit) des Arbeitnehmers ein Risiko für die Entwicklung eines Burnouts darstellt. 

Die übermäßige Begeisterung und Leistungsbereitschaft, die Betroffene zu Beginn zeigen, schlägt in Frustration um: Sie merken, dass sie ihren zu hoch gesteckten Anforderungen nicht gerecht werden und erleben dadurch ein Gefühl von Misserfolg. Hinzu kommt meist eine Vernachlässigung von Sozialkontakten und anderen Interessen neben der Arbeit. Die negativen Stimmungen kompensieren Betroffene oft durch übermäßigen Konsum, z. B. von Lebensmitteln oder Alkohol. Zu den Symptomen eines Burnouts gehören Antriebsschwäche, Reizbarkeit, chronische Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, ein Gefühl der Überforderung und Wertlosigkeit. Entgegenwirken können Arbeitgeber beispielsweise durch eine Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, die gesundheitliche Fehlbelastungen eindämmen. Dazu zählen ungünstige Arbeitsbedingungen wie erhöhter Leistungs- oder Zeitdruck. Wichtig ist, dass der Mitarbeiter eine gesunde Work-Life-Balance entwickelt und sich genügen Erholungszeiten nimmt. Für ein besseres Stressmanagement können beispielsweise Stress-, Zeit- und Selbstmanagementkurse angeboten werden. Auch Entspannungstrainings (z. B. progressive Muskelentspannung, autogenes Training), Meditations- oder Achtsamkeitsangebote, etwa im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements, können Stress vorbeugen. Für ein positives Arbeitsklima können Unternehmen z. B. auch einen Feelgood-Manager einstellen, der Mitarbeiter als Vertrauensperson bei Problemen oder internen Konflikten unterstützt. Darüber hinaus bieten sich im Akutfall eine Therapie oder eine Rehabilitation an, damit Betroffene ihr Leben wieder in die Hand nehmen können.

 

Boreout: wenn Langeweile krank macht

Während die Diagnose Burnout eine mediale Hochkonjunktur erfährt, ist der Begriff Boreout den wenigsten bekannt. Boreout – vom engl. boredom für Langeweile – ist gewissermaßen das Gegenstück zu Burnout: Anstatt wegen ständiger Überforderung ausgebrannt zu sein, fühlen sich Betroffene chronisch unterfordert.

Geprägt wurde der Begriff von zwei Schweizer Unternehmensberatern, die das Buch „Diagnose Boreout“ verfasst haben. Boreout-Betroffene sind laut der Autoren vor allem hochqualifizierte, leistungsbereite Fachkräfte, die sich im Beruf fehl am Platz fühlen. Etwa weil das Arbeitsumfeld oder die Tätigkeit nicht zu ihnen passen, weil sie überqualifiziert sind oder ihre Arbeit nicht als sinnvoll erleben. Ein Mitarbeiter, der sich nicht mit dem Unternehmen oder seinem Job identifiziert, zeigt vermehrtes Desinteresse und erledigt seine Aufgaben weniger effizient. Damit einher gehen Müdigkeit, Lustlosigkeit oder Langeweile bis hin zu Frustration oder Verzweiflung. Hauptelement des Boreouts ist eine quantitative oder qualitative Unterforderung, also zu wenige oder zu einfache Aufgaben. Um in einen Flow oder Arbeitsfluss zu kommen, d. h. besonders produktiv zu arbeiten, ist ein optimales Erregungsniveau notwendig. Unterforderung führt zu unproduktiverem Arbeiten, weil die Aktivierung zu gering ist (Yerkes-Dodson-Gesetz). Paradoxerweise, so die beiden Autoren, entwickeln Betroffene Verhaltensstrategien, die ihnen Arbeit vom Leib halten: 

Manchmal erledigen sie ihre Aufgaben sogar schlechter bzw. mit weniger Sorgfalt, so dass Vorgesetzte ihnen keine komplexeren Aufgaben übertragen. Der Aktionismus verschleiert also die eigentliche Unterforderung. Deshalb ist es so schwierig, das eigentliche Problem aufzudecken. Neuere Forschungsarbeiten zum Boreout-Syndrom gehen davon aus, dass Betroffene ähnliche Symptome wie beim Burnout-Syndrom entwickeln, z. B. Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen oder Depression. Ein unproduktiver Mitarbeiter, der bereits innerlich gekündigt oder resigniert hat, verursacht Kosten. Es kann auch sein, dass ein qualifizierter Mitarbeiter aus Unterforderung die Stelle wechselt und das Unternehmen eine wertvolle Fachkraft verliert. Wenn hochqualifizierte Fachkräfte aufgrund chronischer Unterforderung unproduktiv arbeiten, versickert wertvolles Potential. Die Betonung liegt auf wenn. Denn es gibt auch jede Menge Kritiker des Boreout-Begriffs. Für sie ist das Syndrom nicht hinreichend belegt. Viele Ärzte oder Forscher erkennen Boreout nicht als Krankheit an, sondern kategorisieren es als medial wirksamen Modebegriff. Manche sehen das Boreout auch als Möglichkeit, Arbeitsfaulheit zu verschleiern. Für Betroffene sei es leicht, sich aus ihrer Situation zu befreien, zum Beispiel indem sie die Übertragung komplexerer Aufgaben und anspruchsvollerer Projekte fordern oder ihre Stelle wechseln.

 

 

Fazit

Produktives Arbeiten gelingt am besten bei einem optimalen Aktivierungslevel. Über- und Unterforderungen gehen mit einer erhöhten oder zu niedrigen Stimulation einher, die zu physischem und emotionalem Stress führen kann. Für eine gesundheitsschädliche Über- und Unterforderung haben sich die Begriffe Burnout und Boreout etabliert. Hier können Arbeitgeber entgegenwirken, indem sie Arbeitsstrukturen schaffen, die Fehlbelastungen wie chronisch überhöhten Zeit- oder Leistungsdruck vermeiden. Angebote des betrieblichen Gesundheitsmanagement, etwa Entspannungsübungen oder Stressmanagement-Coachings, können ebenfalls protektiv wirken. 

Quelle Foto: Fotolia © Kaspars Grinvalds

 

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